Alpinwetter für Bergsportler – unwichtig??

Grundsätzliches sowie Tipps über Informationsquellen & Literatur


Bergwetter


Gewitterwolke (Cumulonimbus incus) mit Cumulus congestus auf der Alpensüdseite

Blick über Belluno entlang des Alpensüdrandes nach Osten

Das Wetter ist in den Bergen als direkte oder auch indirekte Unfallursache das Risiko-Nr.1!! Wettervorhersagen , vor allem solche für die kommenden 12-24 Stunden, sind dabei heutzutage grundsätzlich erheblich zuverlässiger, als gemeinhin angenommen. Die Wettervorhersagen sollten daher immer schon bei der Tourenplanung eine entscheidende Rolle spielen. Große Schwierigkeiten macht es hierbei jedoch, aus der Vielzahl qualitativ höchst unterschiedlicher Dienstleister, die jeweils brauchbaren Anbieter herauszufiltern, wobei die Art der Vorhersagedarstellung leider kein hilfreiches Kriterium ist (s.u.)!

„Schaden“ wird es aller Erfahrung nach nie, sich mit der Zeit einen eigenen Erfahrungsschatz über charakteristische Wetterentwicklungen anzueignen. Der Aufbau eines derartigen Erfahrungsschatzes kann dabei erheblich beschleunigt werden, wenn man es sich angewöhnt, die jeweiligen Wettervorhersagen immer auch mit aktuellen eigenen Wetterbeobachtungen zu verbinden. Während der Tour, gilt es dann das Wetter ständig zu beobachten sowie die Vorhersagen zu „verfolgen“ bzw. auch aktiv bei Einheimischen und Hüttenwirten nach entsprechenden Informationen zu fragen.

Sicherheitsrelevantes Wetter (abgesehen von Gefahren z.B. durch (UV-)Strahlung) ist in den Bergen im Allgemeinen insbesondere mit Fronten und oder „hausgemachten“ (also lokalen) Gewittern verbunden. Über beides lässt sich z.B. in den Alpen nur selten gesichert eine Aussage treffen, die einen Zeitraum von 18h oder gar 24h überschreitet, sofern man sich nur auf (eigene) „Vor-Ort„-Beobachtungen verlassen muss oder kann. Für Zeiträume, die diese Skala oder mehr umfassen, muss daher immer auf professionelle lokale Vorhersagen oder auf zuverlässige Quellen zugegriffen werden, die die lokale Entwicklung angemessen wiedergeben können, um insbes. Gewittergefahren (Blitze, Hagel, Schnee, Starkniederschläge und/oder auch Sturm) rechtzeitig erkennen und entsprechend frühzeitig passende Entscheidungen treffen zu können. Eine gute Unterstützung können hier heutzutage Internet-Dienstleister und vor allem Smartphone-Apps bieten, die (je nach Vorhersageregion) jedoch qualitativ höchst unterschiedlich und damit auch teilweise gänzlich unbrauchbar sein können.

Merke: Die „schönste Grafik“ irgendwelcher „APPs“ ist absolut nichts wert, wenn die zu Grunde liegenden Daten oder Modellprodukte schlecht sind! Die Qualität und Anzahl dieser Daten sowie Modellprodukte ist jedoch häufig in keiner Weise und unter allen Bedingungen vergleichbar gut (oder schlecht) je nach Anbieter. Eine möglichst aktuelle Bewertung verschiedener Informationsquellen ist daher sicher hilfreich und wird hier im Folgenden mit Stand Sommer-2020 gegeben.


Websites & Bücher

Auswahl


Föhnbewölkung bei Südföhn am Alpenhauptkamm ca. 4h vor einer Kaltfront

Blick von der Rosenspitze in den Tuxer Alpen

Bei Websites (hier nur für den Sommer) wie auch für Smartphone-Apps am Besten immer Original-(Daten- und Vorhersage-)Quellen: In den Alpen sind dies z.B. für Deutschland der „DWD“, für Österreich die „ZAMG“ (auch der Alpenvereinswetterdienst in Tirol), für die Schweiz „MeteoSwiss“ und für Italien (Dolomiten) der „AVS“

Die nachfolgende Zusammenstellung soll vor dem oben genannten Hintergrund dazu dienen, Empfehlungen bei der Auswahl geeigneter Quellen meteorologischer Informationen zu liefern, die ich aus professioneller Sicht jedoch immer (wie einleitend gesagt) empfehle, mit eigenen lokalen Beobachtungen „anzureichern“ und diese auch durch die Möglichkeit der Befragung lokaler Kenner (z.B. Hüttenleute und/oder Bergbauern) weiter zu „verfeinern“.


Bücher zum Thema „(Berg)Wetter“

  • DAV Alpinlehrplan 6: „Wetter und Orientierung im Gebirge“ => minimalistische kurze Übersicht
  • Günter D. Roth: „BLV-Wetterkunde“ => Universell und für Laien gut geeignet / guter Einstieg u. Überblick mit Beispielen + Deutungshinweisen
  • Karl Gabl: „Bergwetter“ => (vom Profikollegen) sehr gut: Prognosen, Gewitterstrategien, Tourvorbereitg., Gefahrenerkennung
  • J.J.Thillet / D.Schueller: „Wetter im Gebirge: Beobachtung – Vorhersage – Gefahren“ => Grundlagen u. Zusammenhänge; mit Beispielen wetterbedingter Bergunfälle
  • Andreas Jäger: „Das große kleine Buch: 20 Wetterregeln“ => minimalistisch – aber mit Vorwissen teilweise hilfreich!

Smartphone-Apps

(Auswahl für die Alpen)


Cirrus-, Altocumulus + Altostratusbewölkung im Vorfeld (ca. 4h) einer Kaltfront:

Blick vom Rand des Siebengebirges auf den Rhein bei Bad Honnef

  • YR Widget HD => mit Vorhersagedaten des EZMW (europ. Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen): Weltweiter TOP-Anbieter mit dem Widget allerdings nur für die kommenden 48h; stündliche Vorhersageauflösung mit qualitat. Einschränkungen im kleinskaligen Bereich, d.h. leider auch im alpinen Bereich, da das EZMW-Vorhersagemodell die Berglandschaft nur relativ grob auflösen kann (aber: kostenfrei u. ohne Werbung)
  • Warnwetter (DWD) => für den deutschen Alpenraum generell der TOP-Anbieter mit Rückblick auf die Messdaten zahlreicher Stationen und stündlicher Vorhersageauflösung; außerhalb von Deutschland kein Datenrückblick aber Vorhersagen und deren Qualität wie für Deutschland aus dem ICON-Model des DWD (2 – 6km Auflösung je nach Vorhersagezeitraum)
  • MeteoSwiss => Smartphone-App, die analog zur DWD-App „Warnwetter“ (vom selben Entwickler) erstellt wurde; 10min Auflösung bei Niederschlagsereignissen u. aktuellen Daten; Vorhersagen vom europ. TOP-Modell für die Alpen (gemeinsame Entwicklung von DWD und MeteoSwiss), mit der derzeit höchsten operationellen Auflösung im kleinskaligen Bereich
  • WINDY => werbe- und kostenfrei bei 3h-Zeitauflösung der Vorhersagen; für geringe Abo-Kosten auch mit stündlicher Auflösung; professionelle Vielfalt an Daten und Darstellungsoptionen; Riesenvorteil: akt. Stallitenbilder/-filme +(europaweite) Radarvisualisierungen sowie (grafische) Gegenüberstellung der Vorhersagen von 4 europ. TOP-Vorhersagemodellen => stimmen hier alle überein, ist die Vorhersage sehr sehr sicher; falls nicht, kann sich auch jeder Laie mit der Zeit einen Erfahrungsschatz aneignen, welches Modell unter welchen Bedingungen Vorteile hat (lediglich das amerikan. GFS-Modell ist für Europa und besonders für die Alpen i.d.R. nicht zu empfehlen). Die hinterlegte Karte für die Auswahl eines Zielpunktes od. einer Zielregion für Vorhersagen kann bei WINDY wahlweise auch eine topograf. Karte mit Wanderwegen sein. Damit lässt sich sehr einfach ein bestimmter Ort (z.B. eine Hütte) finden und als Vorhersageort auswählen.
  • Meteoblue => bietet für 99ct/Jahr, ähnlich zu WINDY sehr gute Übersicht über die Modellvorhersagen aller wesentlichen Vorhersagezentren (noch wesentl. mehr als WINDY); Schwerpunkt sind hier die Ergebnisse der Vorhersagen des „MeteoBlue-Systems“ der Universität Basel, das aber qualitativ in den Alpen „nicht immer ganz vorne“ liegt; Die Vergleichsgrafiken der einzelnen Vorhersagemodelle bedürfen zudem etwas „Eingewöhnung“ in Verbindung mit den zugehörigen Erläuterungsseiten
  • Bergfex Wetter => kommerzieller Anbieter, der die Textvorhersagen der ZAMG (staatl. österreich. Wetterdienst) in Verbindung mit (allerdings weniger gut dokumentierten) Modellvorhersagen verbindet; 3h-Zeitauflösung der Vorhersagen; der große Vorteil von „Bergfex Wetter“ besteht in der Radarvisualisierung insbes. für Österreich inkl. Radar-Vorschau: Da das Radarsystem in Österreich nicht dem staatl Wetterdienst, d.h. der ZAMG „gehört“, sondern der staatlichen Flugsicherung (AustroControl), muss diese App für ihren Service ebenfalls eine (einmalige) kleine Gebühr verlangen.

Alle Apps und einige Websites werden einem kontinuierlichen Test unterzogen und diese Seite ggf. aktualisiert. Ein letzter intensiver Praxistest fand während unserer 4-wöchigen Alpenüberschreitung (s.a. „https://alpinehiker.club„) von München nach Venedig im Juli/Aug.2020 auf dem sogenannten „Traumpfad München-Venedig“ von Ludwig Graßler statt.

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